Internationale Freiwilligendienste fur unterschiedliche Lebensphasen

IFL

IFL (internationaler Freiwilligendienst): Neue Formen des freiwilligen Engagements für alle Altersgruppen.

Internationale Freiwilligendienste

Ziele des IFL: Gesellschaft Impulse geben, Menschen mobilisieren, Solidarität und Zivilcourage zu einer Selbstverständlichkeit machen.

generationsübergreifend Freiwilligendienst für Ältere / Senioren

generationsübergreifend Ausrichtung: wo in den üblichen Formen der Freiwilligendienst die Altersgruppen für gewöhnlich unter sich bleiben und stets die junge Generation überwiegt, steht dieser Dienst Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen offen.

Ausland freiwillig Arbeiten / freiwilliges Engagement

Die Freiwilligen können sich weltweit (derzeit in 28 Ländern) engagieren – ob für Frieden und Menschenrechte, für Gesundheit, Kultur und Bildung, für soziale Gerechtigkeit, Integration oder den Schutz der Natur.

Sabbatjahr, Sabbatical

Wer sich für ein konkretes Projekt interessiert, sollte sich mit den entsendenden Organisationen selbst in Verbindung setzen, ebenso bei Fragen zur Finanzierung, zur Versicherung, zur Vor- und Nachbereitung etc. Bewerbungsunterlagen sollten einige Angaben zur Person (Alter, Ausbildung, Erfahrungen etc.), eine Beschreibung Ihrer Vorstellungen (Dauer des Dienstes, Tätigkeitsfeld, Land etc.) sowie ein kurzes Motivationsschreiben enthalten.

29.08.07 13:38 Alter: 6 Jahr/e

Israel Cornelie, 56, mit ASF in Israel, Tätigkeit in Holocaust-Gedenkstätte

 

Es begann alles ziemlich israelisch, wie man mir sagte. Noch im Januar war nicht klar, wohin ich kommen würde, da ASF noch keine Stelle für mich gefunden hatte. Aber mir wurde versichert, dass ich mir keine Sorgen machen solle, es werde sicher klappen. Also entschloss ich mich, den Flug zu buchen und ins Ungewisse hinein zu fliegen. Einige Tage vor der Abreise verriet mir Katharina schließlich, dass ich wahrscheinlich mit einer anderen Frau in den Norden käme, nach Lochamei Haghettaot, aber es gebe noch keine Unterkunft für uns. Und so war noch nicht ganz sicher, wohin wir kommen würden, als wir schon zum Einführungsseminar in Jerusalem angekommen waren. Aber so ist das eben in Israel, es wird noch im letzten Moment improvisiert – man muss nur Vertrauen haben, dann klappt es schon.

Nach den ersten schönen und erlebnisreichen Tagen in Jerusalem war der Anfang im Norden nicht leicht. Renate und ich waren heilfroh, dass es uns nicht allein in den Norden verschlagen hatte, sondern dass wir zu zweit waren und so jemanden hatten, mit dem wir das Abenteuer teilten. Bei unserer Ankunft im strömenden Regen eröffnete uns Tania Ronen, meine Mentorin, das Haus in Regba, in dem wir wohnen sollten, sei leider am Vortag wegen Blitzschlag abgebrannt und sie müsse jetzt erst einmal ein neues suchen. So verbrachten wir die erste Nacht in kalten, ungemütlichen Zimmern, die zum Museum gehörten und sonst von Soldaten bewohnt wurden. Aber schon am nächsten Tag hieß es, wir hätten nun Zimmer im benachbarten Nes Ammim, dem „christlichen Kibbuz“, das sei zwar einige Kilometer entfernt, dafür kämen wir aber in eine lebendige Gemeinschaft von Freiwilligen und es gebe dort auch ein Studienprogramm und vieles mehr. Und so war es dann auch. Als der erste Schock wegen der einfachen Barackenzimmer und dem Badehaus über der Wiese überstanden war, gefiel es uns gut in dieser Siedlung mitten im Grünen, mit den blühenden Wiesen, den vielen Vögeln, Hunden und Katzen und der buntgemischten Nachbarschaft von Deutschen, Holländern und Israelis.

Die Arbeit sollte laut Ausschreibung darin bestehen, Vorträge vorzubereiten und deutsche Gruppen durch die Gedenkstätte zu führen. Außerdem sollte die Arbeit im Museum mit einer Tätigkeit im Altenheim von Regba kombiniert sein. Aber es kam alles anders. Tania, die mich betreute, eröffnete mir, dass von Gruppenführungen nie die Rede gewesen sei, dazu sei ich viel zu kurz hier. Auch von der Altenarbeit war nicht mehr die Rede. Ich sollte vielmehr in der Gedenkstätte ausschließlich übersetzen. Nach anfänglicher Enttäuschung über diese reine Schreibtischarbeit merkte ich bald, dass ich meine Fähigkeiten gut einbringen konnte und dass die Arbeit mich fesselte. Außerdem war es mir das Wichtigste, etwas Nützliches zu tun, was von den anderen gebraucht würde. Allerdings wäre es sicher sehr hilfreich gewesen, vorher von der Art meiner Tätigkeit zu erfahren, dann hätte ich mich etwas besser darauf vorbereiten und z.B. ein deutsches Synonymwörterbuch mitnehmen können. (Zum Glück gibt es ja im Internet das wirklich gute zweisprachige Wörterbuch LEO.)

Bei den Übersetzungen handelte es sich um Texte aus zwei Ausstellungen des Museums. In der ersten Zeit übersetzte ich die Materialien der Ausstellung „Auf den Spuren eines Photos“ aus Yad Layeled, dem Kindermuseum der Gedenkstätte. Im Museumsraum hängen 20 große Photographien von Menschen, die als Kinder die Shoah überlebt hatten und dann nach Israel emigriert waren. Unter diesen Photographien befinden sich Materialien zu ihrem Leben: ihre Lebensgeschichte und viele Photos mit Erläuterungen. Diese Materialien, die für die Museumsbesucher in verschiedenen Sprachen zur Verfügung stehen sollen, übersetzte ich vom Englischen und Französischen ins Deutsche. Später ging es dann um die Ausstellung „Im Reich der Erinnerung“ (über Menschen, die Widerstand gegen das Nazi-Regime leisteten), in der neben der Biographie und den Photos auch Erinnerungsstücke gezeigt wurden, die natürlich ebenfalls der Erläuterung bedurften. Am Schluss meiner Tätigkeit übersetzte ich noch die Texte für die große Veranstaltung, die am Yom Hashoah (dem Gedenktag an die Shoah) in Lochamei Haghettaot stattfand, und mehrere Ausschnitte aus dem Werk Janusz Korczaks.

Die Arbeit war oft nicht leicht, denn die Texte nahmen mich emotional sehr in Anspruch, weil dort schreckliche Dinge geschildert wurden. Andererseits musste ich versuchen, vom Inhalt zu abstrahieren und mich auf das Sprachliche zu konzentrieren. Das war zwar manchmal durchaus auch hilfreich, sozusagen zur Ablenkung, aber oft fühlte ich mich hin- und hergerissen zwischen dem Anspruch der Texte und meiner praktischen Aufgabe.

Ich begann meine Arbeit um 9 Uhr und beendete sie meist um 16 Uhr. Tania war ausgesprochen großzügig und ließ mir völlig freie Hand bei der Arbeit. Das bedeutete einerseits, dass ich sehr selbstständig arbeiten konnte und die Freiheit hatte, selbst zu entscheiden, wie ich die Arbeit organisierte. Andererseits fühlte ich mich aber manchmal auch etwas alleine gelassen und ich hatte Zweifel, ob meine Arbeit auch wirklich gebraucht und wertgeschätzt würde. Gegen Ende hatte ich den Verdacht, dass mein ganzes Werk einfach im Computer verschwinden könnte, deshalb drängte ich darauf, dass ich die gesamten Materialien ausdrucken, laminieren und in Mappen ordnen durfte.

In den ersten Tagen nahm ich an mehreren Führungen teil, so dass ich das Museum intensiv kennen lernen konnte. Tania erlaubte mir auch, in der 3. Woche an einem Seminar teilzunehmen, das für eine Gruppe von französischen Lehrern in der Gedenkstätte abgehalten wurde. (Durch das Übersetzen war ich mit den Mitarbeitern des „French department“ bekannt und zu dem Seminar eingeladen worden.) Das Seminar umfasste Vorträge von namhaften Historikern aus Frankreich und Israel, Workshops, die sich mit einzelnen Ausstellungen des Museums beschäftigten, Gespräche mit Zeitzeugen und Ausflüge. Das Programm hatte ein sehr hohes Niveau und die Teilnehmer waren ausgesprochen offene, interessierte Leute, so dass das Seminar eine sehr bereichernde Erfahrung für mich darstellte. Besonders beeindruckten mich die Zeitzeugengespräche. Mit Sylvain Lévy, der als Kind in einem Versteck in Paris überlebt hatte, heute in Naharija lebt und einmal die Woche ehrenamtlich im Museum arbeitet, konnte ich später einen sehr persönlichen Kontakt knüpfen. Obwohl ich mich schon seit Jahrzehnten immer wieder viel mit dem Dritten Reich und der Shoah beschäftigt habe, lernte ich in diesem Seminar noch einmal sehr viel dazu. Vor allem erfuhr ich viel Neues über den jüdischen Widerstand in den Ghettos und den Vernichtungslagern, der ja das Zentrum des Museums bildet.

Im Rahmen des französischen Seminars lernte ich auch die Arbeit des „Center for Humanistic Education“ kennen, das zur Gedenkstätte gehört und seit etwa 10 Jahren ein intensives, auf Jahre angelegtes Trainingsprogramm für arabische und jüdische Jugendliche anbietet, in dem sie durch Diskussionen, Rollenspiele u.a. lernen, die unbekannte andere Seite zu verstehen. Der Fokus liegt dabei auf der jeweiligen Leidenserfahrung der Völker: was für die einen der Holocaust bedeutet und für die anderen die Nakhba (die „Katastrophe“ von 1948). Die Leiterin stellte im Rahmen des Seminars die Arbeit zusammen mit Jugendlichen vor, die schon eine Zeitlang an dem Programm teilnahmen. Es war eine der bewegendsten Erfahrungen für mich zu hören, wie Rafat, ein junger Araber aus Akko, erzählte, dass er vor dem Training die Juden gehasst habe und nichts mit ihnen zu tun haben wollte. „Ich war ein Radikaler“, sagte er. Und dass er nun nach einem langen inneren Lernprozess viel mehr Verständnis für die Juden habe und auch mit einigen von ihnen befreundet sei. Zum Schluss meinte er, die Palästinenser bräuchten einen Martin Luther King, damit sie gewaltlosen Widerstand lernten. Und sein größter Wunsch sei es, Friedensnobelpreisträger zu werden!!

Obwohl ich während der Arbeit meist allein in einem kleinen Bürozimmerchen saß, ergaben sich bald Kontakte zu Mitarbeitern der Gedenkstätte. Mittags ging ich meist mit Tania in die Kantine zum Essen. Manchmal beneidete ich zwar diejenigen aus unserer Gruppe, die alte Menschen betreuten und dadurch sehr intensive menschliche Kontakte erlebten. Denn die Bekanntschaften, die sich im Museum ergaben, waren doch sehr viel unverbindlicher und lockerer. Aber im Laufe der Zeit lernte ich doch einige Leute etwas näher kennen und zum Glück wurde ich auch von einer Mitarbeiterin zum Sederabend eingeladen. Als ich am Schluss alle, die ich im Museum kennen gelernt hatte, zu einem Imbiss einlud, wurde ich sehr herzlich verabschiedet.

Sehr angenehm fand ich, dass in der Gedenkstätte eine offene, liberale Atmosphäre herrschte. Alle Leute, die ich dort kennen lernte, waren politisch eher links orientiert, sie hatten ein deutliches Problembewusstsein für den jüdisch-arabischen Konflikt und zeigten Verständnis für die Palästinenser. So wurde ich dort nicht – wie einige andere Freiwillige in ihrer Arbeitsstelle – mit unangenehmen Vorurteilen oder gar Rassismus konfrontiert, was ich natürlich als sehr wohltuend empfand. Besonders bewegend war für mich die Begegnung mit Noa Kali, einer Mitarbeiterin im Center for Humanistic Education, mit der ich mich intensiv über die Thematik unterhalten konnte. Sie erzählte, wie heikel ihre Arbeit sei und wie sehr sie dem politischen Mainstream und dem Bewusstsein der Durchschnittsbürger widerspreche. Sie lebt in einem Moshav, der nur durch eine kleine Straße vom nächsten arabischen Dorf getrennt ist. Und dennoch gibt es überhaupt keine Verbindung zwischen den Bewohnern der beiden Ortschaften. Sie kennen sich nicht, sie besuchen sich nicht, sie betreten noch nicht einmal den Lebensraum „der anderen“. Beide Seiten schotten sich einfach ab, keiner hat Interesse, die anderen kennen zu lernen. Noa bemühte sich bisher vergeblich, eine Verbindung herzustellen. Ihre „Kontaktperson“ im Nachbardorf ist eine junge Frau, die „leider“ zum Studium nach England gefahren ist… Als Noa mir von all dem erzählte, kamen ihr die Tränen, es war das einzige Mal, dass ich sah, dass jemand wirklich unter der verfahrenen Situation litt. (Sie war übrigens auch die einzige – außer einer anderen – , die mich zu sich nach Hause einlud.)

Es war für mich in Israel nicht immer leicht, Deutsche zu sein. Wenn man sich so intensiv mit Texten beschäftigt, in denen „die Deutschen“ nur als Mörder und Menschenschinder vorkommen, geht das nicht spurlos an einem vorüber. Und wenn ich  Israelis kennen lernte, zumal solche, die älter waren, musste ich mich immer ein wenig überwinden, wenn ich sagen sollte, woher ich kam. Ich fürchtete, die Leute würden zusammenzucken – oder Schlimmeres. Aber es gab nie eine negative Reaktion – im Gegenteil. Alle, mit denen ich sprach, reagierten positiv. Und wenn ich dann noch erzählte, dass ich als Freiwillige arbeitete, erst recht. Mehrmals bedankten sie sich spontan für meine Arbeit, das hat mir sehr gut getan.

In Nes Ammim gab es zwar auch einige junge Israelis, mit denen ich in Kontakt kam, aber die eigentliche Gemeinschaft  des „Kibbuz“ bestand ausschließlich aus Holländern und Deutschen. Obwohl Renate und ich ja nicht dazugehörten, weil wir nicht in Nes Ammim arbeiteten, durften wir doch an vielem teilnehmen und fühlten uns so halbwegs integriert. Beim Abendessen traf man sich, kam ins Gespräch und erfuhr, was im Ort geschah. Das Studienprogramm bestand meist aus Vorträgen und Diskussionsrunden, die einmal in der Woche stattfanden. Gleich zu Anfang war die erste Rabbinerin Israels eingeladen, die uns von der schwierigen Situation des Reformjudentums in Israel berichtete und von den Kämpfen, die sie mit der Orthodoxie ausfechten musste. Es war eine sehr beeindruckende Frau. Später hörten wir noch Vorträge zur Situation der Christen in Israel, der arabischen Israelis und zum Dialogprogramm in Nes Ammim. Ich war sehr froh, dass an meinem Wohnort so interessante Abende stattfanden!

Besonders schön waren auch die Freitagabende in Nes Ammim, an denen Erev Shabbat nach dem jüdischen Ritus gefeiert wurde (auf hebräisch und englisch). An der festlich gedeckten Tafel versammelte sich die Gemeinschaft, oft mit Gästen. Die Kerzen wurden entzündet, der Segen gesprochen und alle sangen die hebräische Sabbatlieder mit (es gibt in Nes Ammim ein eigenes Liederbuch dafür). Mir gefielen die Lieder so gut, dass ich mir eine CD gekauft habe, um sie nicht zu vergessen. – Am  Samstag Abend gab es dann auch einen christlichen Gottesdienst in der Kapelle, mit einem holländischen Pastor.

Wegen der Erev Shabbat-Feier in Nes Ammim, auf die ich nicht verzichten wollte, konnte ich in den drei Monaten im Norden nur zweimal einen jüdischen Gottesdienst besuchen. Mit den Nes Ammimern ging ich in eine Reformsynagoge in Naharija, wo wir schon bekannt waren, so dass wir ganz persönlich und sehr freundlich begrüßt wurden. Die Gemeinde war von „Jeckes“ gegründet worden; da sie aber immer weniger wurden, hatten sie sich mit einem argentinischen Rabbi zusammengetan, der dann argentinische Mitglieder mitbrachte. Besonders angenehm für uns war, dass es dort ein hebräisches Textbuch mit lateinischer Umschrift und wörtlicher englischer Übersetzung gab, so dass man dem Gottesdienst nicht nur recht gut folgen, sondern auch mitsingen konnte und dabei hebräische Wörter lernte. Ich hätte gerne mehr Hebräisch gelernt, aber es fehlte die Zeit und die Gelegenheit. Es gab in Nes Ammim zwar Sprachkurse, aber nachmittags, wenn ich noch in Lochamei arbeitete. Das habe ich sehr bedauert. Andererseits sind aber drei Monate einfach zu wenig. So beschränkte ich mich darauf, einige Ausdrücke zu lernen, um wenigstens etwas sagen zu können – von boker tov über toda raba bis lapriut. Wenn man die Zahlen dazuzählt, habe ich immerhin an die 100 Wörter gelernt.

Ich habe ja oben schon angedeutet, dass ich mir meine Arbeit in der Gedenkstätte etwas anders vorgestellt hatte. Was mir wirklich fehlte, war der soziale Aspekt, ich hätte gerne einen Teil meiner Zeit mit Menschen gearbeitet. Erst am Schluss meines Aufenthalts im Norden gelang es mir, in dieser Hinsicht noch etwas nachzuholen. So lernte ich nach dem Gottesdienst in der Synagoge von Naharija einen Überlebenden kennen, Hans Stern, der mir nach einigen Minuten gleich einen Brief zeigte, den er immer bei sich trug. Diesen Brief hatte er als Jugendlicher seinen Eltern aus dem KZ Dachau geschrieben. Er lud mich auch zu sich nach Hause ein und erzählte mir dort seine abenteuerliche Lebensgeschichte. Er wurde nach einigen Wochen in Dachau freigekauft und konnte nach Israel fliehen. Ich hätte ihn gerne noch einmal besucht, denn es war ihm offensichtlich ein großes Anliegen, von seinem Leben zu erzählen, aber die Zeit reichte nicht mehr.

Durch eine Freiwillige in Nes Ammim, die erst im April dorthin kam, konnte ich auch Kontakt zum Altenheim in Shavei Zion knüpfen, in dem viele „Jeckes“ leben. (Shavei Zion wurde 1938 von einer Gruppe von jüdischen Auswanderern aus dem schwäbischen Rexingen gegründet.) Ich lernte dort besonders die fast 100jährige Edna Wolf kennen, die 1936 noch unbeschadet aus Deutschland herauskam. Es ist unglaublich, wie lebendig sie noch in diesem Alter erzählen konnte und wie gut ihr Gedächtnis noch war!

Mein Anliegen, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die in irgendeiner Form die Shoah erlebt hatten, begleitete mich auch in der Zeit nach meiner Freiwilligenarbeit weiter, als ich noch einige Wochen in Jerusalem verbrachte. Hier lernte ich durch den Freundeskreis von ASF mehrere Menschen kennen, die mir wichtig wurden. (...) Alle diese Begegnungen waren für mich sehr bewegend und sie sind mir sehr kostbar.

Es war auch wunderbar, nach der Freiwilligenarbeit oben im Norden, wo Renate und ich uns manchmal ein wenig im Abseits fühlten, noch einige Wochen in dem schönen ASF-Haus in Ein Kerem wohnen und Jerusalem ausführlich „nachholen“ zu können. So lernte ich die einzigartige Stadt intensiv kennen und machte natürlich von dort aus noch viele Touren, um den südlichen Teil des Landes zu erkunden. Es war eine schöne Gemeinschaft mit den Freiwilligen dort, sowohl mit Erdmute aus meiner Gruppe als auch mit den jungen Langzeitfreiwilligen, mit denen ich mich sehr gut verstand und mit denen ich auch viel gemeinsam unternahm. Ich begleitete sie z.T. auch zu ihren Arbeitsstellen (Yad Vashem, Hand by Hand School, Besuch bei Gad Granach und Altersheim Beit Alicia), so dass ich auch hier noch einen guten Einblick erhielt.

Was meinen gesamten Aufenthalt in Israel angeht, so war ich sehr froh, nicht allein dorthin gefahren zu sein, sondern mit Aktion Sühnezeichen eine Organisation „im Rücken“ zu haben. Dadurch fühlte ich mich viel sicherer – und vor allem habe ich sehr von den Anregungen profitiert. Die Seminare zu Anfang und in der Mitte der Freiwilligenzeit fand ich enorm hilfreich und wirklich notwendig. Durch sie konnten wir TeilnehmerInnen uns kennen lernen, es konnte ein Gruppengefühl entstehen und wir erhielten immerhin einen ersten, kleinen Einblick in die israelische Gesellschaft und ihre Geschichte. Natürlich wurde vieles nur sehr oberflächlich angerissen, aber es war doch eine Anregung, sich mit dem Thema intensiver auseinander zu setzen. Dies war besonders deutlich bei der Beschäftigung mit dem jüdisch-arabischen Konflikt im zweiten Seminar. Auf unserem – sehr interessanten – Ausflug nach Ramallah z. B. erfuhren wir nur sehr wenig über das, was wir dort zu sehen bekamen. Eine intensivere Vor- und Nachbereitung wäre sicher sinnvoll gewesen. (...)

Meine Zeit in Israel wird mir unvergesslich bleiben. Selten habe ich so viel spontane Kommmunikation, Offenheit und intensive Begegnungen erlebt wie dort. Ich fühle mich diesem Land mit seinen so verschiedenen Menschen, seiner schmerzvollen Geschichte und seiner inneren Zerrissenheit nun mehr verbunden denn je.