Internationale Freiwilligendienste fur unterschiedliche Lebensphasen

IFL

IFL (internationaler Freiwilligendienst): Neue Formen des freiwilligen Engagements für alle Altersgruppen.

Internationale Freiwilligendienste

Ziele des IFL: Gesellschaft Impulse geben, Menschen mobilisieren, Solidarität und Zivilcourage zu einer Selbstverständlichkeit machen.

generationsübergreifend Freiwilligendienst für Ältere / Senioren

generationsübergreifend Ausrichtung: wo in den üblichen Formen der Freiwilligendienst die Altersgruppen für gewöhnlich unter sich bleiben und stets die junge Generation überwiegt, steht dieser Dienst Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen offen.

Ausland freiwillig Arbeiten / freiwilliges Engagement

Die Freiwilligen können sich weltweit (derzeit in 28 Ländern) engagieren – ob für Frieden und Menschenrechte, für Gesundheit, Kultur und Bildung, für soziale Gerechtigkeit, Integration oder den Schutz der Natur.

Sabbatjahr, Sabbatical

Wer sich für ein konkretes Projekt interessiert, sollte sich mit den entsendenden Organisationen selbst in Verbindung setzen, ebenso bei Fragen zur Finanzierung, zur Versicherung, zur Vor- und Nachbereitung etc. Bewerbungsunterlagen sollten einige Angaben zur Person (Alter, Ausbildung, Erfahrungen etc.), eine Beschreibung Ihrer Vorstellungen (Dauer des Dienstes, Tätigkeitsfeld, Land etc.) sowie ein kurzes Motivationsschreiben enthalten.

25.01.08 16:23 Alter: 5 Jahr/e

Südafrika Andrea, 34, mit ICJA in Südafrika, Arbeit mit behinderten Menschen

 

Mein Arbeitsplatz ist im Training Workshop Unlimited (TWU) in Athlone. Die sog. Workshops sind eine Untereinheit von Cape Mental Health Society neben z. B. den Special Care Centern und dem Foutaine House.

Vergleichbar sind die Workshops mit Behindertenwerkstätten in Deutschland. Hier arbeiten überwiegend geistig Behinderte je nach ihren Möglichkeiten in einer Art Werkstatt. Die sog. „low functional“ werden in separaten Gruppen tagsüber mit sog. Lifeskill-Programmen beschäftigt. Die higher functional arbeiten an Vertragsarbeiten.  Für verschiedene Firmen werden hier einfache, repetitive Arbeiten verrichtet. Das beinhaltet z. B. Falten von Papiertüten, zusammenbauen von Ohrstöpseln und Flaschenverschlüssen.

Aus den higher functional Trainees wurden vor 2 Jahren die besten ausgewählt für das Siyanceda Programm. Hier werden die Behinderten 18 Monate lang im Bereich Cleaning und Hygiene ausgebildet. Neben theoretischer Wissensvermittlung, sammeln sie Arbeitserfahrung in community placements. Ziel des Projektes ist, alle Trainees nachher im offenen Arbeitsmarkt zu platzieren.

Um die Chancen auf Arbeitsplatzvermittlung zu erhöhen, wurde die Idee geboren eine Integrationsfirma zu gründen. In einer Integrationsfirma sind mindestens 50% aller Angestellten Menschen mit Behinderungen. In Deutschland gibt es eine lange Tradition dieser Firmen, für Südafrika ist es Neuland.

Die Gründung dieser Integrationsfirma war genau meine Aufgabe für das halbe Jahr. Platziert war ich in der Nähe meiner Wohnung in Athlone, das hat meine Chefin netterweise so eingerichtet, damit ich es von meiner Wohnung bis zur Arbeit recht nah habe und morgens immer gegen den Berufsverkehr fahren kann. Hört sich vielleicht unerheblich an, aber der Verkehr in der rush hour in Cape Town ist unvorstellbar, so ist es ein großer Pluspunkt, wenn man diesem Riesenstau morgens und nachmittags entgehen kann.

In der zweiten Märzwoche nach einer Orientierungswoche begann meine Volunteerwork. Santie ließ direkt durchblicken, dass es sehr eilig ist, die Vorbereitungen zur Gründung einer Integrationsfirma im Bereich Reinigung zu erstellen. Ziel ist es für einige Absolventen des Siyanceda Projects eine eigene Integrationsfirma im Bereich Cleaning Services zu gründen. Zunächst handelt es sich um ein Projekt, später soll es eine eigene NPO werden (eine sog. Section 21 Company). In der Firma werden zu mindestens 50% Menschen mit Behinderung arbeiten.

Dieses Projekt hat bereits eine lange Vorlaufphase in dem North South Dialog. Verschiedene Vertreter von CMHS haben entsprechende Einrichtungen in Deutschland besucht und Fachleute aus Deutschland waren hier. Die Idee zur Gründung einer Integrationsfirma ist bereits 2005 gefallen. Zwei ASA-Studentinnen haben im letzten Jahr bereits gute Vorarbeit und Recherche im Rahmen ihres Austausches geleistet. Zum Glück ist eine davon in Cape Town geblieben, so dass ich eine erste Informationsanlaufstelle hatte.

Denn obwohl alles ganz eilig und wichtig ist, war der Start etwas problematisch. Hoch motiviert wollte ich mich an die Arbeit machen, doch direkt zu Anfang fehlten einige Unterlagen. Es hat mich zwei Wochen gekostet, erstmal alle Infos zusammenzutragen, alle Beteiligten zu interviewen um einen Plan zu haben, was eigentlich genau meine Aufgabe ist.

Eine gute Wendung nahm das Projekt, als unser Task Team zusammengerufen wurde. Alle Angestellten des Siyancedas Projekts hatten sich bereit erklärt, diesem Team beizuwohnen. Grund dafür war, dass das Projekt von April bis Juli pausiert. Santie stellte mich als Projektleiterin vor und beglückwünschte mich zu dem großen Team. Während unseres ersten Meetings, in dem ich alle bisherigen und nächsten Schritte präsentierte, verhielten sich alle mehr als zurückhaltend. Ich fragte mich, was ich mit diesem Team anfangen sollte.

Ein Businessplan für die Company war bereits erstellt und erste Kontakte zur NCCA (Verband der Reinigungsfirmen in SA) und Reinigungsmaschinenherstellern geknüpft. Nach und nach konnte ich alle Puzzlesteinchen zusammentragen und hatte einen Überblick, was von mir genau erwartet wird. Bisher war (außerordentlich hilfreiche, um es nicht falsch zu verstehen) reine theoretische Vorarbeit geleistet, jetzt ging es darum, die Idee in die Praxis umzusetzen.

Nach zehnjähriger Berufserfahrung dachte ich mir, na kein Problem, dann mal los. Es gibt Ansprechpartner, weitere Recherche zu erledigen, dann gibt es einen Vorschlag über Entscheidungen, die getroffen werden müssen und wir starten mit der Company. Ok, so war es nicht, um es direkt vorwegzunehmen.

Es hat mich Wochen gekostet, um von einigen Task Team Mitgliedern akzeptiert zu werden. Einige dachten, ach da kommt die Deutsche (die wissen ja ALLE genau Bescheid über Integrationsfirmen) und die weiß ja alles besser und wird es schon regeln. Leider kannte ich mich weder mit Integrationsfirmen noch im Reinigungssektor aus, was sich schnell änderte.

Zuerst war ich etwas verwirrt, auf der einen Seite die volle Verantwortung für das Gelingen, auf der anderen Seite sehr zurückhaltende Mitarbeiter und tröpfelnde Informationen. Ich war ganz überrascht, dass niemand (außer mir) daran zweifelte ich könnte Kontakt zu allen wichtigen politischen Institutionen, Journalisten und Lieferanten aufnehmen. Ganz ehrlich, die ersten Telefonate auf Englisch waren für mich nicht so prickelnd, aber mit der Zeit ging es wirklich gut. Meine Kollegen haben mich immer gerne „vorgeschickt“ so nach dem Motto, ach Du mit Deinem lustigen Akzent machst das schon, das öffnet uns viele Türen.

Nachdem in den ersten Meetings detailliert Schritte für die Beschaffung der Ausrüstung, Marketingaktivitäten und Auswahl der Trainees verabschieden worden sind, hatte ich einen gewissen Arbeitsrhythmus. Auch die Akzeptanz der Kollegen stieg. Nach und nach fühlte ich mich wirklich als Kollege und nicht mehr als Fremdkörper.

Am 30. Mai war einer der großen Tage: der Launch des ersten Integration Projects in SA. Ich musste dafür einen Veranstaltungsraum finden, die Agenda organisieren und alle Einladungen versenden. Wichtig war es zudem, dass einige Journalisten vor Ort waren, um über unser Projekt zu berichten. Alles ging glatt über die Bühne. Insbesondere zu sehen, wie stolz die Eltern über ihre Kinder waren, war alle Mühe wert.

Nach dem Launch habe ich alle 2 Wochen die Task Team Meetings organisiert. Wir haben verschiedene Flyer entworfen. Proposal über Proposal für fundraising mussten geschrieben werden. Dann habe ich mich in die Welt der Reinigungsmittel eingearbeitet und Mops und Eimer und Chemikalien usw. eingekauft. Zwischendurch habe ich verschiedene Ausschreibungen beantwortet und Kontakte über unsere eigenen Zulieferer hergestellt. Die ersten Kundenbesuche waren schon witzig, nach dem Motto: Ok, das sind 600m² Produktionsfläche und 40 Büros, wie lange brauchen Sie um dies zu reinigen? Nach ein paar Wochen und ganz viel Hilfe durch hier ansässige Reinigungsfirmen, lief die Angebotslegung wie geschmiert.

Zuerst hatten wir noch keine externen Kunden für unsere Cleaner. Von daher haben sie intern bei CMHS gearbeitet. Weil der Supervisor nicht immer morgens da war, war ich des Öfteren in der Verantwortung für alle drei mal eben einen Einsatzplan aus dem Ärmel zu schütteln. Aber auch das funktionierte. Es sind so wunderbare Menschen und zu sehen, wie sie aufblühen, weil sie nun eigene Uniformen haben oder einfach in der Küche ihr Frühstück essen dürfen.

Was sich schwierig gestaltete war die Suche nach externen Kunden. Vielerorts herrscht eine große Ablehnung Behinderten gegenüber vor. Die potentiellen Kunden davon zu überzeugen, dass sie mit unseren Cleanern die höchstmotivierten Reinigungskräfte aller Zeiten und zudem noch ausgebildete bekommen, war nicht ganz einfach.

Ganz besonders stolz war ich, dass ich zum Teambuilding mitfahren durfte. Alle Angestellten der Workshops (und das ist eine bunte Mischung von ehemaligen Trainees, Handwerkern bis hin zu diplomierten Sozialarbeitern) fuhren für 2 Tage nach Simonstown in ein Backpacker-Hotel. Erste Teamaufgabe der verschiedenen Gruppen war es, mit einem minimalen Budget die Mahlzeiten vorzubereiten. Wir hatten dann am ersten Tag eine Menge der obligatorischen Teamspielchen (Spinnennetz, Blindenparcours etc.) und abends ein selbstinzeniertes Abendprogramm. Zum Glück war es dieses Jahr nicht Karaoke sondern ein Tanzwettbewerb. Natürlich hatten alle ganz viel Spaß dass ich mitmachte und ich hab mich auch gern zum Affen gemacht. Ich habe schon x Teambuilding mit meiner alten Firma absolviert, aber noch nie in diesem Rahmen. Es hat wirklich riesen Spaß gemacht, zu sehen, wie auch mit ganz wenig Budget etwas auf die Beine gestellt werden kann. Alle Workshop Mitarbeiter haben mich ganz toll aufgenommen und ich habe erst am zweiten Tag registriert, dass ich die einzige Weiße in unserem 12-Bett Zimmer war.

Résumée

Mein Résumée über das halbe Jahr ist sehr positiv. Ich wusste nicht genau, was mich erwarten wird. Und ganz ehrlich hätte mir vorher jemand erzählt, was meine Aufgabe wäre (und das alles auf Englisch), ich wäre vermutlich nie gefahren. Das schöne ist jedoch zu sehen, was ich alles geschafft habe.

Ganz oft habe ich Menschen getroffen, die mir sagten „oh ha Volunteerwork, da kriegst Du ja ne Krone für all Deine wohltätige Arbeit“. Ganz ehrlich, ich habe soviel gelernt in diesem halben Jahr über mich, über Dinge die mir wichtig sind. Das sind zum Beispiel ganz einfache Dinge, wie die Erfahrung nach 16 Jahren in einer eigenen Wohnung mit einer Flatmate zusammen zu wohnen. Das es nicht wichtig ist, einen übervollen Kleiderschrank zu haben. Das ich allerdings schon die Sicherheit in Deutschland vermisse und auch nie gewusst habe, wie sehr ich es zu schätzen wissen sollte, sich in einer Stadt frei zu bewegen.

Ich hatte nie das Gefühl, etwas super Soziales zu tun. Vielmehr habe ich die Volunteerwork als großartiges Training für mich persönlich empfunden. In den sechs Monaten habe ich soviel neues erfahren, wie in den letzten sechs Jahren nicht zu Hause. Natürlich war es sehr angenehm nach so langer Arbeitserfahrung in Deutschland mal etwas kürzer zu treten. So hatte ich z. B. genügend Zeit, Französischstunden zu nehmen, einen NLP Kurs am College zu besuchen und einen Yogakurs zu belegen.

Bevor meiner Zeit in Cape Town habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie es wohl sein wird. Ob ich mich in der neuen Arbeitsumgebung zurechtfinde, mit der Sprache klar komme, mit der Wohnsituation. Für mich war immer klar, das ist ein Break in meinem Arbeitsleben und dann komme ich wieder zurück zum Alltag. Witzigerweise waren alle Bedenken unbegründet. Womit ich allerdings nie gerechnet hätte, ist das ich nicht wieder in meinen Alltag zurückkehren möchte. Nach diesem halben Jahr hier, möchte ich noch mehr Erfahrungen im Ausland sammeln und werde mein Sabbatical vermutlich um ein paar Monate verlängern.