Jessica, 30, mit den Freunden der Erziehungskunst in Indien, Betreuung behinderter Menschen (II)
Dies ist der zweite Bericht über mein Leben in Sadhana Village, der Lebensgemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten, in welcher ich nun seit 7 Monaten lebe.
Zur aktuellen Situation:
Es ist der Monat Mai in Indien, der statistisch die höchsten Temperaturen aufweist. Ganz gemächlich ist es in den letzten drei Monaten heißer und heißer geworden. Die Hitze ist nicht nur tagsüber unter der knallenden Sonne, sondern auch in den feucht-heißen Nächten spürbar. Sadhana Village befindet sich in den Westghats (bekannt als Sahyadri Hills) im Gebirge der Dekkan-Ebenen auf einer Höhe von 600 Metern. So wählten die Briten im Jahre 1820 Pune wegen seines vergleichsweise kühlen, trockenen Klimas zu ihrem Zweitsitz neben Bombay. Jedoch ich Europäerin, die solche Hitze nicht gewohnt ist, kann dennoch nur unter eingestelltem Ventilator schlafen und versuche, mich nicht zu sehr der Hitze auszusetzen. Bei der Gartenarbeit trage ich ein nasses Tuch um meinen Kopf gebunden.
Mai ist Ferienzeit. Die Anzahl der sonst in Sadhana Village lebenden Special Friends hat sich nahezu um die Hälfte reduziert. Die Uhren scheinen sich etwas langsamer zu drehen als sonst.
Entwicklungen:
Im März 2007 bin ich vertretungsweise und vorübergehend für 2 Wochen in ein anderes Haus in Sadhana Village, ins Kedah-Haus, gezogen. Es war eine interessante Erfahrung, zu erleben, wie unterschiedlich der Alltag in derselben Lebensgemeinschaft sein kann und wie sehr Gewohnheiten, Umgangsstile und Gemeinschaftsatmosphäre von den verantwortlichen Hausmüttern abhängen. Ich muss sagen, dies war nicht meine einfachste Zeit bisher. Zurückgekehrt nach Bahar-Haus war ich erleichtert, hier zwar um ein Vielfaches mehr an Arbeit zu haben, diese jedoch selbstbestimmt und eigenverantwortlich tätigen zu können. Pläne, enger mit der Hausmutter des Kedah-Hauses zusammenzuarbeiten, womit sich meine sozialpädagogischen Aufgabe weg von der Behindertenbetreuung und hin zur persönlichen Beziehungsarbeit mit dieser traumatisierten Witwe komplett verlagert hätte, wurden nach meiner größeren Reise nach Nepal im April zerschlagen.
Als 11-Monate-Freiwillige in Sadhana Village scheine ich bisher alle Volontäre, die da waren und noch immer da sind, zu überdauern. Viele bleiben nur einige Wochen oder wenige Monate. Manche sind auch einfach auf der Durchreise und gönnen sich in Sadhana Village eine „Familienzeit“. Ich sehe viele Gesichter kommen und gehen, was mich hin und wieder leicht bedrückt, denn man lebt hier so eng zusammen wie in einer Familie. Dabei bleibt nicht aus, dass Bindungen entstehen. Das ist eine sehr schöne Sache, machen Abschiede jedoch manchmal nicht einfach. So erfahre ich ansatzweise einen Geschmack dessen, was die Menschen, die hier dauerhaft leben - vor allem die Special Friends -, viel zu oft verdauen müssen.
Zwei engagierte, deutsche Volontärinnen, die in den Niederlanden Ergotherapie studieren, sind im Februar 2007 für 3 Monate nach Sadhana Village gekommen. Sie nahmen sich im Rahmen ihres Diplomarbeitsprojektes der am schwersten behinderten Bewohner an und suchten mithilfe von Persönlichkeitsanalysen nach Möglichkeiten, diese in Aktivitäten zu integrieren, sie damit aber gleichzeitig auch zu fördern. Es geht hierbei um Special Friends, die weder an der Gartenarbeit noch an Hilfsarbeiten in der Küche, aber auch nicht an den Nachmittagsaktivitäten effektiv teilnehmen können. So war Rani, ein 23jähriges autistisches Mädchen, stundenlang ohne angemessene Betreuung in ihr Zimmer gesperrt, vor allem dann, wenn die Mitarbeiter mit der Reinigung der Häuser oder mit der Betreuung der anderen Special Friends beschäftigt waren. Hier sah Sadhana Village einen deutlichen Mangel, der nun durch die Einrichtung eines Sensibilisierungsraumes europäischen Standards beseitigt ist. Es wurden Workshops für die einheimischen Mitarbeiterinnen und für die internationalen Volontäre durchgeführt, in welchen gezeigt wurde, wie man schwerpunktmäßig Rani mit Hilfsmitteln in diesem Raum behandeln und fördern kann. Nun gibt es also endlich einen Stundenplan für Rani, in den ich auch miteingebunden bin, und man wird sehen, wie sich die Arbeit im Sensibilisierungsraum auf ihre Lebensqualität auswirken wird.
Feste:
Im Februar 2007 feierte auch Sadhana Village erstmals Karneval, natürlich angeleiert von uns Deutschen.
Es war eine großartige und witzige Party, da sich jeder Special Friend mit Hilfe der Freiwilligen ein eigen erwünschtes Kostüm oder eine Maske gestalten durfte. Wir tanzten den Ententanz, führten eine Polonaise durch Sadhana Village und hatten wirklich großen Spaß.
Am 3. März 2007 wurde in Indien das Holifest gefeiert. Brauch ist es, am Abend ein großes Feuer anzufachen, in welches die Hindus symbolisch all ihre negativen Charakterzüge - im christlichen Sinne würde man Sünden sagen - werfen wollen. Das Feuer symbolisiert den großen Feuergott, der an diesem Tage besonders verehrt wird.
Bekannt ist Holi auch aus Bollywood-Filmen, wenn man die Akteure mit Farben umherwirbeln sieht. Die grellen Farben werden als Pulver oder auch in flüssiger Form durch die Lüfte geschmissen und sollen möglichst die Körper der umstehenden Personen treffen. Auch wir in Sadhana Village nahmen uns einen Nachmittag Zeit, diese Farbenschlacht auszutragen, was vor allem den Special Friends, aber auch einigen Freiwilligen und Co-Workern volles Vergnügen bereitete.
Am Sonntag, den 4. März 2007 fand ein Elterntag in Sadhana Village statt. Eingeladen waren alle engeren Angehörigen der Special Friends, von denen einige sehr weite Strecken in Kauf nahmen. Zu diesem Zweck wurde von den Freiwilligen die neu sanierte Halle dekoriert und in Fotogalerien auch aufgezeigt, wie Sadhana Village entstanden ist und was der Alltag in Sadhana Village zu bieten hat. Gegenstände wie selbst gebastelte Spiele, Masken oder andere Dinge, die zusammen mit den Special Friends erarbeitet wurden, konnten bestaunt werden. Mein letztes Projekt war die Erstellung eines 4-seitigen Englisch-Marathi-Deutsch-Posters, welches ich gemeinsam mit einem psychisch kranken Bewohner namens Yatin erarbeitet hatte. Es war genau das richtige Projekt für den 30jährigen Yatin, der sonst sehr teilnahmslos am Rande das Geschehen beobachtete und zu nichts zu motivieren war. Zudem haben einige indische Mitarbeiter den Wunsch geäußert, etwas deutsch lernen zu können. Die Poster hängen nun zwar in jedem Haus, aber besonders viele deutsche Wörter aus indischen Mündern sind mir leider noch nicht zu Ohren gekommen. Es war sehr interessant, an diesem Elterntag die Familien der Special Friends kennen zu lernen und auch zu beobachten, wie die Eltern mit ihren behinderten Kindern, nun ja auch Erwachsene, Umgang pflegen. Traurig war der Tag allenfalls für jene Bewohner, deren Angehörige der Einladung nicht gefolgt waren.
Am 19. März 2007 begann das hinduistische Neujahr 2064, welches durch eine kleine Feier in Sadhana Village begrüßt wurde. An den Eingängen der Häuser thronte zu diesem Anlass ein an einen langen Bambuspfahl gebundenes buntes Stück Stoff, ein Kesselchen und eine große Blüte. Dieser Pfahl wurde dann hochgehievt und alle Anwesenden bekamen eine Süßigkeit zu essen.
In diesem Sinne kann ich berichten, dass mein neues hinduistisches Jahr ebenso gut begonnen wie das alte geendet hat. Und ich sehe noch weitere spannende 4 Monate in Sadhana Village vor mir.
Sadhana Village im Mai 2007



